Wie in jedem Jahr plante mein Nachwuchs auch diesmal wieder monatelang eifrig für seinen Ausflug zur Leipziger Buchmesse (natürlich wie immer anstatt sich um Schulkram zu kümmern *seufz*). Inzwischen ist es schon fast Traditionen, dass die „Kleinen“ einen Tag dort hin fahren und sich in putzigen, aus Manga entlehnten Klamotten zum Affen machen. Samstag der 15.3. sollte es sein. Wir hatten diesmal wieder Besuch – eine Internetfreundin von Anne durfte mit zur Buchmesse. Erstes Treffen und so, wirklich süß. Da sich nur noch zwei weitere Freundinnen als Begleitung fanden, war auf dem Thüringen-Ticket noch ein Platz frei. So entschied ich mich, mir das Ganze auch mal anzutun. Ohne Verkleidung, natürlich. Wobei ich bei meinem normalen Aufzug vermutlich als Cosplayer durchgegangen wäre…
Der Tag begann furchtbar. Aufstehen um 6 Uhr! Und das zum Samstag. Nach einem erbitterten Kampf ums Bad und 3x umziehen machten wir uns auf den endlos weiten Weg zum Bahnhof. Den, den mein Töchterlein jeden Morgen und jeden Nachmittag laufen muss. Respekt! Der Fahrkartenautomat zeigte sich überraschend kooperativ, nachdem er noch am Vortag felsenfest behauptet hatte, meine Kreditkarten seien alle ungültig. Also ab in den Bummelzug. Der Zugbegleiter war entweder noch vom Vortag besoffen oder auch noch nicht richtig ausgeschlafen, jedenfalls kippte er beim „Lochen“ unserer Fahrkarte in die gegenüberliegende Sitzreihe. Leider war ich für Mitleid noch zu müde.

Eine Station weiter stiegen die beiden Freundinnen zu. Dann durften wir uns über eine halbe Stunde in Gera auf dem Bahnhof langweilen. Erinnerungen an alte Zeiten stiegen hoch, als ich noch jedes Wochenende aus dem Internat in Jena über Gera nach Hause gefahren bin. Im Zug von Gera nach Leipzig war schon nix mehr mit Sitzplätzen. Für die Kleinen. Ich hatte einen. Zwischen lauter Hortleiterinnen – wie meine Mama ja auch mal eine war. Sehr interessante Gespräche, besonders die Diskussion, ob die Kleinen im Hort nun Mittagsschlaf halten sollten oder nicht… Schlaf… ja… das wär schön gewesen… dabei hatte der Tag doch gerade erst angefangen und das Schlimmste stand mir noch bevor!
In Leipzig am Hauptbahnhof noch einmal den Zug gewechselt und wir waren angekommen. Irgendwer hatte die glorreiche Idee, vor allen anderen aus dem Zug am Messegelände sein zu wollen, damit die Wartezeit an der Kasse nicht so lang ist. Und das bei meiner Kondition, argh! Als wir ankamen konnte ich mich nicht entscheiden, was ich dringender brauchte: ein Bett oder ein Sauerstoffzelt. Da es dem Nachwuchs offenbar lieber war, ohne „Aufsicht“ durch die Hallen zu ziehen, legte er drinnen das gleiche Tempo vor wie draußen, so dass ich nach wenigen Treppenstufen aufgab und beschloss, allein und in aller Ruhe das Areal zu erkunden.

Da ich wusste, dass eine Freundin mit einem Stand ihres Verlages auf der Messe vertreten war, aber nicht wusste wo, beäugte ich zunächst ausgiebig den Lageplan. Halle 5 schien mir der logischste Ort, Halle 3 war aber näher, also fing ich dort an. Um nicht umzukippen und einzuschlafen legte ich mir einen Schlachtplan zurecht, den ich dann einfach abarbeitete: in der Halle ganz nach rechts, dann den Gang nach hinten, dann einen Gang nach links und diesen nach vorn, dann wieder eins weiter nach links… und dabei immer schön in die kurzen Quergänge schauen. Nicht, dass ich etwas verpasst hätte, wenn ich das nicht getan hätte. Es gab eigentlich nichts wirklich Spannendes zu sehen. Halt so Bücher über alles und jeden. Naja, Buchmesse eben. Das einzig Interessante war der riesige Hörbuchbereich.
Nachdem ich Halle 3 erfolgreich abgearbeitet hatte, tappte ich zu Halle 5. Also, wieder ganz nach rechts, und den Gang nach hinten – und da fand ich ihn auch schon, den Stand vom Macchiato-Verlag. Ich hielt ein nettes Pläuschchen mit meiner Freundin und setzte dann, inzwischen einigermaßen munter geworden, meinen Weg durch die Halle fort. Es war hier deutlich langweiliger als in Halle 3, irgendwie. Immerhin fand ich eine Ankündigung für eine Lesung mit Herrmann Kant, die um 13:00 Uhr stattfinden sollte, na das war doch mal was. Den wollte ich ja schon immer mal sehen. Seine Bücher waren zu DDR-Zeiten Kult und ich erinnere mich noch, wie sauer ich war, dass sich irgendwer „Der 3. Nagel“ ausgeliehen aber nie zurückgegeben hatte, wo man an die Bücher doch so schlecht rankam. Nix Amazon damals! Ein interessantes Buch möchte ich noch erwähnen, über das ich in Halle 5 gestolpert bin – eigentlich das einzige, was ich auf der ganzen Messe wirklich toll fand: „Ideen visualisieren“ vom Schmidt-Verlag Mainz.
Bisher hatte ich für jede Halle ungefähr 1 Stunde gebraucht – relativ uncool bei 9h Messe und nur 4 Hallen. Nun, vielleicht kam ja noch was Spannendes wo ich mich länger aufhalten konnte. Weiter ging es also in Halle 4. Hier gab es zu meiner Enttäuschung allerdings absolut gar nichts Interessantes. An Büchern zumindest. Dafür zog ein riesiger Menschenauflauf meine Aufmerksamkeit auf sich. Klein wie ich bin, konnte ich allerdings erstmal nichts sehen. Das lag aber auch daran, das das Objekt, um das sich der Auflauf gebildet hatte, ebenfalls recht klein war. Und es sah aus wie Horst Köhler, unser Staatsoberhaupt – uiui! Dass die Leute um ihn herum zu 50% Security waren, legte nahe, dass er es auch tatsächlich war. Er stand da und plauderte. Dann passierte etwas witziges: Die Security-Leute liefen im Dreieck (so wie Kraniche fliegen) los und schoben dabei freundlich aber bestimmt alle beiseite, die im Weg standen. So legten sie über 2 Quergänge zurück – nur um dann festzustellen, dass sie irgendwie allein waren. Herr Köhler stand immer noch da und plauderte. Hihi! Also hetzten sie rasch zurück und ein unglaublich wichtig aussehender Typ redete auf den Bundespräsidenten ein, der sich daraufhin schließlich los riss und doch noch mitkam. Ich schlenderte weiter und lief einer Hostess in die Arme, die eine Umfrage zur Messe durchführte. Ich ließ mich breitschlagen und beantwortete am Computer brav so sinnlose Fragen wie: „Wie ist ihre Postleitzahl?“, „Aus welchem Bundesland kommen Sie?“ (Hä? das sieht man doch an der Postleitzahl!), „Wie weit weg von Leipzig wohnen Sie?“ (Das auch!). Wer programmiert denn sowas?!
Mittlerweile war es 12:30 Uhr und ich kämpfte mich zurück in Halle 5, um die Lesung anzuhören. Kämpfte, ja, denn inzwischen war es auf der Messe derartig voll geworden, dass man nur noch im Schneckentempo vorankam. Grauenvoll! Dazu kam, dass die Planer beim Bau der Glastunnel zwischen den Hallen ja eine optisch wirklich ansprechende Architektur hinbekommen haben, aber in den Dingern wird es bei Sonnenschein einfach nur unerträglich heiß. Natürlich waren auch schon alle Sitzplätze für die Lesung belegt – so zerschlug sich mein Traum von einer angenehmen Ruhepause für die geschundenen Füßchen. Dafür fand ich einen, wie ich glaubte, erstklassigen Stehplatz, mit einer sehr netten älteren Dame neben mir, mit der ich mich wunderbar unterhielt. Dabei erfuhr ich, dass ihr Gatte mit Herrn Kant zur Schule gegangen war und sie deshalb hergekommen war, um ein Foto von ihm zu schießen. Blöderweise stellten sich dann ein paar sozial Minderbemittelte zwischen die Stuhlreihen und die Bühne, so dass keiner mehr etwas sehen, geschweige denn fotografieren konnte. Zum Glück standen wir aber genau neben dem Tisch, an dem Hermann Kant später noch Autogramme gab, so dass ich für die Dame ein wenig Platz machen ließ und sie mit einem hervorragenden Schnappschuss doch noch glücklich wurde. Die Lesung – eigentlich ein Interview zum Buch „Die Sache und die Sachen“, dass Irmtraud Gutschke über Hermann Kant geschrieben hat – war mein persönliches Messe-Highlight.
Nach der Lesung beschloss ich, eine Pause einzulegen, und setzte mich ein wenig in die Sonne. Großer Fehler! Es kostet unglaubliche Überwindung, von dort wieder aufzustehen. Ich musste mich förmlich zwingen, danach einen Fuß vor den anderen zu setzen. So schleppte ich mich schließlich in Halle 5, die letzte Halle der Buchmesse. Hier war auch das Comic-Paradies angesiedelt. Nach den kaputten Füßen wurde hier nun auch noch meine Augen ruiniert – pink kostümierte Cosplayer überall. Vielleicht sollte ich dazusagen: Mein Töchterlein war auch in Pink unterwegs. Und tatsächlich traf ich es auch mehrfach in der Halle. Ich zog also wieder meinen üblichen Pfad entlang. Zwar rissen mich die Stände hier auch nicht gerade zu Begeisterungsstürmen hin, aber immerhin war es weit weniger langweilig als in den Hallen zuvor. Alles schön bunt und so. Und unzählige Stände an denen man Manga-Kram kaufen konnte. Herrlich! Äh, nein, ich hab nichts gekauft. Aber es waren witzige Sachen dabei. An einem Gemeinschaftsstand stellten Eric Fish und Bodenski von Subway to Sally ihr neu erschienenes Storybook vor und signierten auch. Dummerweise waren die Bücher viel zu schnell alle, aber egal. Wenn ich eins genug habe, sind es Autogramme von Subway – so what!
Mittlerweile war es fast 17 Uhr und ich hatte alles, aber auch wirklich alles durch. Wir wollten uns gegen 19 Uhr in Halle 5 zum Konzert von Herrn Hechts Band mit Gedichtvortrag von Bodenski treffen. Schon jetzt, 2 Stunden vorher, waren dort aber alle Plätze besetzt. Na toll. Ich schleppte mich zurück in Halle 3, um noch einmal die Hörbuchsektion genauer zu inspizieren. Ich hatte bei meinem ersten Besuch dort so schöne große Sessel gesehen, in denen man gemütlich mit fetten Kopfhörern Büchern lauschen konnte – doch auch nach 5 Runden konnte ich diesen Stand nicht wiederfinden. Es gab zwar auch noch kleinere Sessel, aber die waren alle besetzt und ich war mittlerweile so fertig, dass ich für einen Sprint auf einen freigewordenen Sitzplatz keine Kraft mehr hatte. Also lief ich weiter, immer im Kreis… bloß nicht setzen – sicher würde ich nie wieder aufstehen können! Ich fand einen halbvollen Wasserspender, aber ohne Becher. Oh welche Qual! Doch dann, 2 Runden später, fand ich einen leeren Wasserspender – mit Bechern! Ich erbeutete einen und kämpfte mich mit letzter Kraft zu dem anderen Automaten zurück… Hurra. Endlich etwas zu trinken. Ich beschloss, mich nun doch niederzulassen, und suchte mir eine kleine Holzbank an einer Hörbuchsäule mit Kopfhörern. Ich lauschte den ersten 4 Kapiteln eines Buches, dessen Namen ich vergessen habe. Es ging um eine Frau, die verlassen wurde, und sich immer den Moment des Wiedertreffens mit dem Ex ausgemalt hat, wie sie ihn fertig machen würde und so, und dann trifft sie ihn unerwartet im Supermarkt an der Fischtheke. Oder war es die Gemüsetheke? Immerhin taten mir nun auch meine Ohren voll weh.
Völlig geschunden, aber immerhin nicht mehr durstig, schlufte ich zurück in Halle 5, um nach meinem kleinen Monster Ausschau zu halten. Wir fanden uns und beschlossen, uns das Konzert nicht mehr anzutun, sondern gleich nach Hause zu fahren. Ich quälte mein Handy mit der Suche nach einer Bahnverbindung – echt grausam langsam das Ganze. Als es dann schließlich eine ausspuckte, war der Zug weg. Wir machten uns also gemächlich auf zum Bahnhof und schossen auf dem Weg noch ein Abschiedsfoto von der Messe:

Der Bahnsteig war total überfüllt, aber glücklichweise wanderten viele Leute auf einen anderen Bahnsteig ab, nachdem jemand meinte, der Zug würde dort fahren. Tja, blöd wenn man nicht selbst Fahrplan lesen kann! Im Leipziger Hauptbahnhof hatten wir wieder 30 Minuten Aufenthalt, ich nutze die Zeit um 3 Big-Mac-Maxi-Menüs zu erbeuten. Blöderweise war der Zug schon viel früher da als erwartet und viele waren schon eingestiegen – so blieben uns nur Sitzplätze auf dem Fußboden vorm Klo. Auf mysteriöse Weise leerte sich der Zug jedoch nach der Hälfte der Strecke bei einem Halt in einem Nest namens Pegau. Vermutlich war das so eine Art organisierter Dorfausflug zur Messe? Wir werden es nie erfahren. In Gera war der Anschlusszug so nett, trotz unserer 10 Minuten Verspätung zu warten, was wir echt toll fanden, die Leute im Zug allerdings nicht so. In Göschwitz angekommen versuchte ich mich nochmal am Fahrkartenautomaten. Der war wohl allerdings der Meinung, dass ich ihn heute schon genug angefummelt habe und erklärte mir wieder, meine Kreditkarten seien ungültig. Ich versuchte es bestimmt 10 mal. Er blieb hart. Mist. Also stopfte ich 16 10-Cent-Stücke in den Schlitz. Das kostete mich dann den Rest meines Verstandes. Ich weiß nicht mehr, wie ich nach Hause gekommen bin. Vielleicht haben Anne und ihre Freundin mich getragen oder irgendwie gezerrt…
Alles in allem war es ein unglaublich stressiger Tag, von dem ich am Ende nicht allzu viel mitgenommen habe. Es war zwar schon spannend, mal eine Buchmesse erlebt zu haben, aber ich werde mir das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht nochmal antun. Oh, ja, fast vergessen, ich habe mir doch eine Liste der „Promis“ gemacht, die ich auf der Messe gesehen und erkannt habe. Das ist doch gleich ein guter Abschluss für diesen ewig langen Bericht, den sicher eh keine Sau je durchlesen wird:
- Gunter Schoß (das Birnbäumchen aus „Rächer, Retter und Rapiere“)
- Heiner Brand (Handball-Nationaltrainer, im MDR-Interview)
- Gerhard Schöne (beim Autogramme geben am Eulenspiegel-Stand)
- Dieter Moor (der mich gleich 2 Mal über den Haufen gerannt hat)
- Horst Köhler (mit seiner Transrapid-Security)
- Hermann Kant (bei einer Lesung)
- Reiner Schwalme (einsam am Autogrammstand – keiner wollte eins)
- Christian Brückner (Synchronstimme von Robert De Niro und Dennis Hopper)
- Domian (Waaah *schauder* – dass mir das nicht erspart bleiben konnte)